Zum Tag des Kampfes gegen Gewalt gegen Frauen

Mein Körper gehört mir und ist nicht die Quelle von irgendjemandes Ehre“

– Lebensrealität aserbaidschanischer Frauen* in einer gewalttätigen Gesellschaft

Heute am 25. November, ist der internationale Tag des Kampfes und der Solidarität gegen Gewalt gegen Frauen*.

In vielen Ländern der Welt und auch in Aserbaidschan, leiden die Frauen* unter Gewalt in verschiedenen Formen: körperliche Gewalt1, psychische Gewalt 2 sexualisierte Gewalt3, ökonomische Gewalt 4, strukturelle Gewalt.

In Aserbaidschan beginnen die ersten Spuren der gewalttätigen Akte mit der psychischen Gewalt: Frauen* erleben gravierend Beschimpfungen, Demütigungen, soziale Isolation, das Verbot zu arbeiten, auszugehen oder die eigene Meinung zu äußern.

Eine weitere Grenze wird überschritten, wenn sich die Gewalt auch gegen den Körper der Frauen* richtet. Die vertrauten, traurigen Geschichten über Gewalt gegen Frauen* steigen in Verbindung mit traditionellem Gedankengut innerhalb der Gesellschaft, gepaart mit staatlichem Schweigen, an. Die Gewalt schadet nicht nur dem Körper, sondern schwächt und zerstört das Selbstwertgefühl und den Widerstand der Frauen*. Viele Frauen* können diesen Situationen nicht entgehen, weil die Gewalt gegen Frauen* ein System der patriarchalen Gesellschaft ist und es bedarf Mut, diesem System zu widerstehen und aufzustehen.

In der patriarchalen, aserbaidschanischen Gesellschaft ist die Einstellung vorherrschend, dass die Geschlechter nicht gleichberechtigt sind. Schon in der eigenen Familie sieht die Frau*: eine unterschiedliche Haltung, ihr als Frau* gegenüber, im Vergleich zu den männlichen Angehörigen. Sie fangen an ihre unterdrückte Stellung, als normal anzsehen. Die Frau* selbst, ist vom Patriarchat geprägt: sie empfindet es als normal unterdrückt zu werden und gibt diese Unterdrückung an andere Frauen* weiter. Aus diesem Grund findet sie die psychische Gewalt seitens der Männer, sei es von Bruder, Vater, Partner usw. als normalen Akt. Die Bevormundung, die permanente Kontrolle, darüber mit wem sie Kontakt hat, aber auch über ihr Leben, wie sie sich kleidet etc. Werden normalisiert.

Da diese Normalisierung nicht hinterfragt wird, findet auch keine Kritik und damit kein Widerstand statt. Die psychische Gewalt wird als Teil der traditionellen Geschlechterrollen akzeptiert und weitergegeben. Diese Verharmlosung öffnet als ein erster Schritt die Grenze zur körperlichen, sexualisierten Gewalt gegenüber Frauen*.

Der patriarchale Staat schützt Kapital und Eigentum, ist aber mundtot, wenn eine Frau* auf Grund von häusslicher Gewalt, geschlagen, vergewaltigt oder gar ermordet wird. Auch die Polizei, das das Gewaltmonopol des Staates ausüben, sind gewalttätig gegenüber Frauen*. Es kommt sogar zu Vergewaltigungen auf Polizeistationen, wenn Frauen* politisch aktiv sind.

Der Staat schützt das Patriarchat. Neben dem traditionellen, nationalistischen und konservativen Denken wurde das autoritäre Staatsverständnis gestärkt und der politische und soziale Druck auf Frauen erhöht.

In den Medien wird über Ehre, Ehrenmorde, Schläge durch Ehemann oder Vater und Folter berichtet. Allerdings wird der misshandelten Frau* von Anfang an unterstellt, dass sie selbst verantwortlich für ihr Verhalten ist. Es wird damit argumentiert, dass jene Frauen, etwas gesagt, getan oder angezogen habe, was einen Übergriff, in ihren Augen rechtfertigt bzw. als Grund angenommen wird. Die Frauen* sind in jedem Fall selbst Schuld an einem Übergriff, es findet klassisches Victim- Blaming statt. Das politische System der Ungleichstellung der Frau* wird in diesem Moment nicht berührt oder angeprangert. Es kommt zur Täter- Opfer Umkehr und die betroffenen Frauen* von Gewalt werden angeklagt. Die Gewalt wird durch religiös-traditionelle Vorurteile, geschlechter- diskriminierende Richtlinien und Gesetze gerechtfertigt. Diese Richtlinien und Gesetze sind ein großes Problem, welches die Gesellschaft zutiefst verletzt, untergräbt und spaltet.

Alle Formen von psychischer und körperlicher Gewalt an Frauen*, wären ohne eine grundlegende strukturelle Gewalt gegen Frauen* weniger möglich.

Die soziale Akzeptanz der Gewaltausübung gegenüber Frauen* bereitet den Nährboden für die Verschleierung der Gewalt und führt dazu, dass Frauen immer unsichtbarer werden. Frauen*, die unter häuslicher Gewalt leiden, können sich dieser Situation häufig nicht entziehen. Die Gründe dafür sind vielfältig: gesellschaftliches Schikanieren, Demütigen der allein lebenden Frauen*, der Mangel an wirtschaftlicher Freiheit, wenn verheiratet, die Scheidung als Wahrnehmung der Schande.

Wir sind die Frauen*, die psychische, körperliche, sexualisierte, strukturelle Gewalt erlebt haben!

Wir sind Hunderte Frauen*, die durch Ehrenmorde unser Leben verloren haben!

Wir sind die Frauen*, die sexuell, körperlich angegriffen werden, weil wir arbeiten wollen, weil wir nachts auf die Straße gehen!

Wir sind die Frauen*, die in Gewahrsam vergewaltigt werden!

Wir sind die Frauen*, deren Jungfräulichkeit ihre Wertschätzung beeinflusst!

Wir sind Frauen*, die von allen Organen des Staates und der Gesellschaft gedemütigt werden!

Wir sind die Frauen*, welche aufgrund unserer sexuellen Orientierung und sexueller Identität auf der Polizeiwache vergewaltigt werden, als Versuch uns zu entmutigen!

Wir sagen: Was wir erfahren, ist nur das Ergebnis von:

Patriarchat, also Tradition, mangelnder Bildung, Vorannahmen, Nationalismus, einer Kriegspolitik, welche zu Arbeitslosigkeit und Armut führen und Kapitalismus. Wir verurteilen diese Unterdrückungs- und Ausbeutungsmechanismen! Das alles führt zu einem unglaublichen Maß an häuslicher Gewalt, psychischen Problemen, Selbstmord, sexueller Belästigung! Gewalt an Frauen ist politisch!

1 Beispiele: gezieltes Schlagen, Prügeln, Stoßen, schmerzhaft Zupacken, an den Haaren ziehen, Treten, Nachwerfen von Gegenständen oder Würgen, Zerstören von persönlichen Sachen, Quälen von Haustieren.

2 Beispiele: gezielte Einschüchterungen, wiederholte Beschimpfungen und Demütigungen, Verbote, Drohungen, Psychoterror, Anschreien, Erniedrigung, Isolieren (zum Beispiel Kontakt mit Familie und Freundinnen verbieten, Telefon abhören, sms lesen), Kontrollieren, ökonomische Gewalt, stalking

3 Beispiele: sexuelle Übergriffe und Grenzüberschreitungen jeglicher Art, Vergewaltigung, versuchte Vergewaltigung, geschlechtliche Nötigung, sexuelle Belästigung, sexueller Missbrauch

4 Beispiele: finanzielle Abhängigkeit herstellen beziehungsweise aufrechterhalten, ungenügende Geldmittel für den Unterhalt bereitstellen, Geld oder Wertsachen wegnehmen oder Wertsachen verkaufen, Arbeit oder Ausbildung verbieten oder verhindern, ein eigenes Konto verbieten, die Arbeitskraft ausnutzen

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